Nun waren sie also da, unsere Gäste. Ja und was machen wir jetzt mit ihnen? Als erstes Beherbergen. Dafür ist Lilly bestens geeignet. Die Gäste-Kajüte ist vorbereitet, es gibt sogar Kopfkissen. Dasselbe gilt für das Gästebad, Badetücher und Handtücher bereit. Auch für Nahrung und Getränke war gesorgt. Es sollte ihnen an nichts fehlen. Dabei wollten sie uns nur zwei Tage lang begleiten. Das wussten wir natürlich schon lange vorher, und der Skipper hat sich viele Gedanken darüber gemacht, welche Route geeignet wäre, ihnen in dieser kurzen Zeit ein Maximum an schönen Eindrücken zu ermöglichen. Ebenso, wie es anschliessend weitergehen soll. Nur wenige Tage nach ihrer Abreise sollten die Kinder und Enkel für eine Woche zu Besuch kommen. Auch dafür fand der Skipper eine passable Route. Aber dazu später mehr.
Um nicht unnötig Zeit zu verschwenden, hatten wir selbstverständlich bereits für mehrere Tage Nahrungsmittel eingekauft und gebunkert. Auch beim Schleusenwärter der drei ersten kleinen Schleusen im Kanaal Bossuit-Kortrijk hatten wir uns schon für den Tag der Abfahrt angemeldet. Es konnte also nichts schiefgehen.
Für einen kurzen Stadtspaziergang blieb heute noch Zeit, anschliessend war Bettruhe angesagt.
Am folgenden Morgen legten wir zeitig ab, damit wir die erste Schleuse zum vereinbarten Termin erreichen konnten. Direkt vor der Schleuse mussten wir wieder die Leinen um hübsch glänzende kleine Edelstahl-Poller legen, der Schleusenwärter liess auf sich warten. Aber das konnten wir ja, wir waren sozusagen zu professionellen Wartenden geworden. Dafür waren alle drei Schleusen schon vorbereitet, und wir konnten in einem Rutsch durchlaufen. Daran anschliessend durften wir noch zwei Grossschleusen bewältigen, um später am selben Schwimmsteg wie im Mai bei Bossuit anzulegen. Jetzt gab es erst mal was zu essen. Nachdem unser Hunger gestillt war, schlugen unsere Gäste vor, die Gegend per Fahrrad zu erkunden. Also wurden vier Drahtesel abgeladen und wir folgten dem Treidelpfad am linken Ufer der Schelte zu Berg, also in Richtung Süden, fanden zwar das Kasteel van Bossuit mussten aber leider wieder abziehen, weil Privat. Wir folgten dem Treidelpfad bis zum nächsten Ort, wo alle Gaststätten geschlossen waren. So machten wir uns auf den Rückweg zur Lilly und legten einen Zwischenstopp bei der Kunst-Kirche «Dé Miciéle» ein. Dass es sich bei dieser ehemaligen Kirche, die nur aus Wänden, ohne Dach, Fenster oder irgendwelchem Inhalt, besteht, um ein Kunstwerk handelt, konnten wir einem Anschlag entnehmen. Kurze Zeit später erreichten wir die Vespabar bei Bossuit, wo unsere ausgedörrten Kehlen Labung in Form eines Apéros oder Biers fanden.
Zurück auf der Lilly sassen wir nach dem Nachtessen gemütlich auf dem Achterdeck und liessen den Tag bei angenehmer Stimmung entspannt ausklingen.
Der zweite und somit letzte Tag mit unseren Gästen liess uns via die Schleuse Bossuit auf das Niveau der Schelte und dann diese zu Berge bis Tournai laufen. Die gemütliche Fahrt entlang schöner Landschaften wurde lediglich von zwei grossen Schleusen unterbrochen. Den Steg in Tournai fanden wir nicht so leer vor wie bei unserem ersten Besuch zwei Monate zuvor, aber der vorhandene Platz reichte Lilly problemlos aus, um sie sauber festzumachen.
Weil wir Tournai damals bereits ausgekundschaftet hatten, liessen wir unsere Gäste schon einmal vorgehen. Wir hatten noch ein paar Dinge aufzuklarieren und folgten ihnen etwas später ins Stadtzentrum, wo wir sie in einem typischen Touristen-Restaurant zum Apéro trafen. Nachher wurde es dann aber richtig gediegen. Unsere Freunde luden uns in ein richtig tolles Lokal ein, welches sie auf ihrem Streifzug aufgespürt hatten. Es wurde nicht nur kulinarisch ein Höhepunkt, wir hatten es auch ziemlich lustig und entspannt zusammen. Ein schöner Abend, an den wir gerne zurückdenken.
Nach dem Frühstück am nächsten Morgen schwangen sich unsere Gäste auf ihre Fahrräder und pedalten die circa 30 Kilometer bis zu ihrem Auto in Kortrijk zurück. Etwas später legten auch wir ab und machten uns auf den Weg nach Péronnes, dieses Mal mussten wir nicht lange warten, bis wir in die Schleuse einlaufen durften und Lilly die fünf Meter nach oben gehoben wurde. Um zu unserem Liegeplatz am gebogenen Passanten-Steg zu gelangen, mussten wir lediglich ein Stück über den künstlich angelegten See fahren. Dort wurden wir bereits vom heftig winkend und gestikulierenden Hafenmeister erwartet. Er wies uns unseren Platz für die nächsten drei Tage zu und nahm uns die Leinen ab.
Bis die Kinder und Enkel, unsere nächsten Gäste für eine Woche, eintrafen, stand uns knapp ein Tag zur Verfügung, um klar-Schiff zu machen.
Als sie am anderen Tag auftauchten, war die Wiedersehensfreude bei allen gross wie immer. Nach dem Bezug der Kabine und dem Verstauen des Gepäcks warteten kühle Getränke auf dem Achterdeck, wo sie sich von den Strapazen der langen Autofahrt erholen konnten.
Für die geplante Tour mit unseren Gästen hatte der Skipper sich den Canal Nimy-Blaton-Péronnes und den Canal Ath-Blaton und die Dender ausgesucht. Das erste Stück führt über die Schleuse Maubray, welche gleich an den künstlichen See, an dem unser Jachthafen Péronnes liegt, anschliesst. Diese hat einen Hub von ca. 10 Metern und wird vom Frachtverkehr recht fleissig genutzt. Genau wie der anschliessende Kanal. Dafür versprach der anschliessend folgende Ath-Blaton Kanal gemütlich zu werden, seine Schleusen sind vergleichbar mit den Freycinet Schleusen in Frankreich und werden von Hand bedient. Dabei wird man von einem Schleusenwärter-Team begleitet, welches nach der Schleusung zur Nächsten eilt und diese für einen vorbereitet, sodass man direkt einlaufen kann und sogleich geschleust wird.
Wozu diese ganze Abhandlung? Nun, man muss sich vorgängig auf einer bestimmten Telefonnummer rechtzeitig anmelden, damit dann ein Schleusenwärter-Team bereitsteht. Der Skipper wusste aber nicht genau, wie lange es dauern würde, vom Hafen Péronnes bis zur ersten dieser Schleusen zu gelangen, im Speziellen der Schleuse Maubray wegen. Diese ist bekannt für lange Wartezeiten. Also wurde nicht angerufen. Wir legten ab und liefen quer über den See in Richtung Schleuse Maubray. Auf unseren Funkruf erhielten wir die Antwort, wir sollen warten, sie würden sich melden. Später fragten wir erneut nach und durften einen Frachter nach dem anderen vorbeiziehen lassen, dabei gab es zwar genug Platz, aber keine Anlegemöglichkeit, resp
ektive nur für viel grössere Schiffe. So blieb dem Skipper nur, die Position mit dem Ruder und der Maschine zu halten, und das bei kräftigem Wind. Nach geschlagenen drei Stunden war es überstanden, wir durften mit zwei Frachtern, einer davon nur 60 Meter lang, die Schleusenkammer teilen. Bis wir vor der ersten der manuell bedienten Schleusen aufstoppten, war es 14.40 Uhr. Der Anruf auf die Nummer der Schleuse ergab, dass wir erst am nächsten Morgen passieren könnten, also meldeten wir uns für den Folgetag an. Den erwarteten Liegeplatz in diesem kurzen Kanalabschnitt konnten wir nirgends entdecken und so mussten wir notgedrungen zurück auf den Grossschifffahrtskanal und dort unterhalb der Brücke an einem hohen Betonkai für die Nacht anlegen. Wir kannten den Platz vom letzten Jahr und wussten, dass es für uns lediglich einen Poller und eine Leiter gab, um festzumachen. Während die Besatzung sich auf einen Spaziergang begab, schob der Skipper die Bordwache, wenn ein Grosser den Platz beansprucht hätte, hätte er weichen müssen. Als dann noch ein Gewitter über der Gegend hereinbrach, war er froh, nicht draussen zu sein. Die Spaziergänger erzählten später, dass sie sich unter einer Brücke in Sicherheit gebracht hatten.
Um ja den Termin einzuhalten, begaben wir uns frühzeitig vor das erste Schleusentor und warteten, bis dieses sich öffnete. Von da an ging es zügig, bis zur Mittagspause der Schleusenwärter schafften wir elf Schleusen.
Mehrere davon mit einer davor liegenden Klappbrücke, die sie ebenfalls zu bedienen hatten. Nach einer Stunde gings weiter mit noch einmal fünf Schleusen. Belohnt wurden wir mit einem traumhaft schönen und gepflegten Liegeplatz im Grünen, kurz vor der nächsten Schleuse. Ausgestattet mit Tisch- und Bank Kombinationen, Mülleimern, Strom- und Wasseranschlüssen, WC, Duschen und kleinen Schatten spendenden Bäumchen auf der Rasenfläche, zudem weideten Pferde mit ihren Fohlen im Hintergrund. Hier hätten wir gerne ein paar Tage verbracht, aber mit Gästen will man fahren und noch andere Orte besichtigen. Daher lag unser nächstes Tagesziel nur knapp zehn Kilometer weiter am Kanal und darum legten wir erst um die Mittagszeit ab und liefen in die vorbereitete Schleuse Nr. 15 ein. Bis Ath, unserem Ziel, benötigten wir, dank der fünf Schleusen und der sieben Klappbrücken, drei Stunden. Der Liegeplatz besteht aus einem Betonkai mit Pollern,
sonst nichts. Trotzdem blieben wir zwei Nächte. Es störte auch nicht, dass der Kai direkt an einer Strasse und dem Bahnhof liegt. Um ins Stadtzentrum zu gelangen, muss man unter den Schienen durchgehen, im Ort gibt es, ausser der Einkaufsmeile, einen gepflegten, baumbestandenen Stadtpark. Also marschierten wir mit Kind und Kegel los, um die Stadt zu erkunden. Wobei mit Kegel wahrscheinlich die Tragtasche mit dem Altglas gemeint war, welches wir hofften, unterwegs in einen
Altglas-Container entsorgen zu können. Beim Hoffen blieb es, der Skipper schleppte die Tasche den ganzen Nachmittag mit sich herum, ohne auch nur den Hauch eines Glas-Containers aufzuspüren. Am Ende landete das Glas wieder im uns bekannten Sammelbehälter, in der Nähe der Liegestelle, wofür ein kleiner Umweg nötig war. Ansonsten gibt es über Ath nicht so viel zu erzählen, ausser, dass wir, bei strahlend schönem Wetter, einen netten Spaziergang gemacht hatten.
Bei der nächsten Schleuse, 190 Meter vom Liegeplatz entfernt, hatten wir uns für neun Uhr angemeldet und legten daher zehn Minuten vorher ab. Das heisst, Maschine gestartet, Gang eingelegt, mit der Absicht in eine Spring einzudampfen und so das Heck vom Ufer wegzuschieben. Lilly bewegte sich keinen Millimeter, wir sassen im Schlick fest. Da der Skipper, zwei Tage zuvor, nichts von einer Grundberührung gespürt und der Tiefenmesser reichlich Wasser unter dem Kiel angezeigt hatte, machte er sich nicht viele Sorgen. Offensichtlich war dieser Kanalabschnitt stark verkrautet. Langsam die Drehzahl erhöht und sehen, ob sich etwas tut, hiess die Devise. Und siehe da, ganz, ganz langsam kam etwas Bewegung in die Sache und als die Distanz zur Kaimauer gross genug war, den Rückwärtsgang einlegen und leicht Gas geben, wieder schienen wir komplett stillzuliegen, ein komisches Gefühl. Wieder half es die Drehzahl zu steigern und so bewegten wir uns immer mehr in die Fahrrinne, hier wieder halbe Kraft voraus und bis vor die Schleusentore laufen. Bis die Schleusen-Crew auftauchte, dauerte es noch ein Weilchen,
wofür wir beinahe dankbar waren, dauerte unser mit zehn Minuten veranschlagtes Manöver am Ende etwa eine halbe Stunde. Danach lief es zügig. Unsere Gäste genossen ihr Frühstück auf dem Achterdeck und nebenbei die Fahrt auf der Dender, wie unser Wasserweg ab hier heisst. Auch wenn sie kanalisiert ist, ist die Dender ein Fluss mit vielen Windungen und traumhaft in die Landschaft gebettet. Teilweise anspruchsvoll, mit einem Schiff von zwanzig Metern, aber mit vernachlässigbarem Verkehr und somit ein Genuss. Schleuse um Schleuse, Klappbrücke um Klappbrücke öffnete und schloss die Schleusenmannschaft, als
eingespieltes Team für uns. Diese Kunstbauten machten vorwiegend unserem zweitkleinsten Crewmitglied gehörigen Eindruck und Freude. Das Ziel, welches wir unseren Online-Informationen (DBA) entnommen hatten, sollte Geraardsbergen sein, es gibt dort einen langen Schwimmsteg am Ufer entlang, mit einem Hafenmeister-Paar, welches auf einer schönen Tjalk im Hafen lebt, direkt vor der Schleuse.
Es gibt ausserdem noch einen ebenfalls von ihnen verwalteten Schwimmsteg, gleich nach der Schleuse. Wir hofften auf einen freien Platz im oberen Hafen, weil es dort Wasseranschlüsse gibt, im unteren gibt es nichts, ausser Klampen zum Festmachen. Das Glück war uns nicht hold, im Schleichgang dem langen Steg entlanglaufend war keine Lücke zwischen den Dauerliegern auszumachen. Als wir auf der Höhe der Hafenmeister-Tjalk waren, rief uns dieser zu, dass wir bei ihm längsseits gehen sollen, um auf die Schleusung zu warten, der zuständige Schleusenwart sei erst in einer Stunde wieder hier.
Gesagt, getan, auf unsere Frage, wo wir liegen können, meinte er, nach der Schleuse. Auf meinen Hinweis, dass wir Trinkwasser bräuchten, meinte er, wir könnten hier während der Wartezeit Trinkwasser bunkern und schon war er am Ausrollen eines langen Schlauchs für uns und wir konnten unseren Tank auffüllen und damit die Wartezeit sinnvoll verbringen. Auch das Timing war perfekt, kaum war der Tank voll, konnten wir in die Schleuse einlaufen. Dem Hafenmeister hatten wir den Obolus für die voraussichtliche Liegedauer bei der Gelegenheit auch gleich entrichtet. Dreihundert Meter unterhalb der Schleuse und nach der Hebebrücke, die ebenfalls vom Schleusenwärter-Team bedient wird, legten wir Lilly an den ordentlichen Schwimmsteg und machten fest. Bevor wir Geraardsbergen oder Gerhardsbergen, wie es auf Deutsch heisst, erreichten, liefen wir entlang malerischer Landschaften, hier am Liegeplatz war das Bild ein komplett anderes. Mitten in der Stadt, zwischen hohen Kaimauern und je einer Hebebrücke hinter- und vor uns, fühlte es sich eher etwas bedrückend an. Zudem ereignete sich hier einiges. Es war der Ort, an dem unsere Gäste von Bord gingen, wo sich der grössere der beiden Enkel tapfer von seinem Nuggi
(schweizerisch für Schnuller) trennte, wo seine Tante ihren
Geburtstag mit uns feierte. Für Freunde des Radsports ist die Stadt bedeutend, weil hier vor Jahrzehnten wichtige Radrennen, wie die Flandernrundfahrt, auf steilen Kopfsteinpflasterstrecken stattfanden und ausserdem steht hier das Original-Manneken Pis. Es wurde im Jahre 1459 aufgestellt, dasjenige, welches in der Hauptstadt Brüssel zu sehen ist, erst im Jahre 1619. Selbstverständlich führten uns unsere Spaziergänge an diesen Sehenswürdigkeiten vorbei, was uns erlaubte, sie gebührend zu würdigen. Unser Spaziergang endete ganz oben auf dem Hügel, dessen Anstieg als die Muur van Geraardsbergen bekannt ist. Mit 91 Höhenmetern auf 1,2 Km eine sehr harte Nuss für die Teilnehmer der Flandernrundfahrt. Für uns als Spaziergänger zwar weniger schlimm, aber etwas anstrengen mussten wir uns schon, dafür wurden wir mit einer wunderbaren Aussicht mit kitschigem Sonnenuntergang belohnt. Für uns, die Stamm-Crew, neigte sich eine fröhliche und gesellige Zeit mit den Kindern und ihren zwei Buben dem Ende zu. Ihr Auto wartete im Hafen von Péronnes auf sie. Um es hier herzuholen, fuhren Fränzi und Flo mit dem Zug dorthin. Dafür, inklusive eines Marschs vom Bahnhof in Antoing bis zum Auto und mit diesem zurück zur Lilly, brauchten sie einen halben Tag. Für uns und speziell für Christine noch einmal Gelegenheit, sich intensiv mit den Enkeln abzugeben.
Einen letzten gemeinsamen Abend verbrachten wir, bevor es am nächsten Morgen losging. Tochter Myriam nahm früh einen Zug in Richtung Heimat und ihr Bruder mit Familie
nach dem Frühstück mit dem voll beladenen Auto ebenfalls heimwärts.
Und wir sassen wieder alleine da. In den Trennungsschmerz mischten sich dennoch auch positive Gefühle, etwa die plötzliche entspannte Ruhe und die Möglichkeit wieder zu unserer Ordnung und den gewohnten Routinen, sowie unserem gemächlichen Rhythmus zurückzufinden.
Am anderen Morgen meldeten wir uns telefonisch beim Brückenwart, damit er uns die Brücke heben möge. Er mochte und wir liefen darunter durch. Bis um die Mittagszeit erreichten wir, nach 14,7 Km, den Gästesteg der Stadt Ninove. Hier sollte es Trinkwasser geben, die Säulen mit Strom-Steckdosen und Wasserhähnen wahren schon mal da. Hier sollten wir mit unserer Mobil-Telefon-App Trinkwasser beziehen können, konnten wir aber nicht. Es kostete uns mehrere Versuche, die Stadtverwaltung telefonisch zu erreichen, ohne dass jemand geantwortet hätte. Auch ein Besuch im Stadthaus ergab kein nützliches Resultat. Dasselbe anlässlich unseres Besuchs bei der Tourist-Info, auch er brachte kein nennenswertes Ergebnis, auch wenn die dort tätige Dame sehr bemüht war. Sehr hilfsbereit zeigte sich auch der Betreiber einer gemütlichen Bar ganz in der Nähe des Liegeplatzes. Er versuchte sogar jemanden aufzutreiben, der uns Wasser vom Hydranten vor Ort hätte beziehen lassen. Wenn unser Tank ganz leer gewesen wäre, hätten wir von dem Angebot Gebrauch gemacht, soweit waren wir aber noch nicht. Der Sangria, den wir in besagter Bar genossen, war übrigens der Beste seit Langem. Schliesslich brachte ein E-Mail Licht ins Dunkle.
Zuerst füllte der Skipper ein Online-Support-Formular auf der Webseite der Organisation, die diese Zapfstellen verwaltet, aus. Zwei Tage später kam die Antwort, dass es mit diesen Zapfstellen in der Vergangenheit «hinter den Kulissen» Probleme gegeben habe und sie deshalb diese Zapfstellen deaktivieren mussten. Zwischen den Zeilen las der Skipper: Die Stadtverwaltung hat die Gebühren nicht bezahlt. Traurig, der Steg ist ansonsten einwandfrei und die Stadt bietet so einiges, was einen Kurzaufenthalt rechtfertigen würde. Das alles hielt uns nicht davon ab, diverse Einkäufe zu tätigen und Nahrungsmittel zu bunkern. Eine freudige Überraschung stellte der Besuch von Diane und Chris dar, Diane lebt mit ihrem Mann Chris auf ihrem Schiff «Troubadour» im Hafen von Péronnes. Diane näht Verdecke und Ähnliches für Schiffe. Sie kamen mit dem Auto und brachten uns die bestellten Polster für die Bänke im Steuerhaus. Wir finden, sie sind wunderschön geworden. Unser nächstes Ziel sollte Aalst sein, also warfen wir wieder die Leinen los und dampften weiter zu Tal, also mit der Strömung auf dem Fluss Dender. Wir hatten am Vorabend mit dem Hafenmeister von Aalst telefonischen Kontakt. Er versicherte uns, dass es genügend Platz habe und wo wir uns hinlegen sollten, sowie ein paar organisatorische Informationen. Nachdem wir die 16,8 Kilometer geschafft und am etwas provisorisch wirkenden Schwimmsteg festgemacht hatten, beschlich uns zuerst ein etwas mulmiges Gefühl. Das würde sich in der Woche, die wir hier verbrachten, noch legen.
Was dieses Gefühl ausgelöst und letztlich wieder beruhigt hatte, sowie was wir dort und danach auf der Weiterreise erlebt haben, wird im nächsten Bericht zu lesen sein.